Kommunale Gesundheitskonferenz diskutierte neue Wege für eine gezieltere Patientensteuerung

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Kommunalen Gesundheitskonferenz diskutierten über eine bes-sere Patientenlenkung im Gesundheitssystem

„Unser Gesundheitssystem ist aufgrund verschiedener Faktoren stark belastet – durch den Fachkräftemangel, den demografischen Wandel, eine unzureichende Finanzierung und die steigende Inanspruchnahme von Leistungen. Das stellt uns vor die Herausforderung, wie wir die vorhandenen Ressourcen gezielter und effizienter einsetzen können. Der internationale Vergleich zeigt, dass die Patientensteuerung in Deutschland völlig unzureichend ist. Dies führt zu einem ineffizienten Ressourceneinsatz. Der Bundesgesetzgeber hat hierauf bislang nicht reagiert. Mit der Kommunalen Gesundheitskonferenz möchten wir daher auf regionaler Ebene Lösungsansätze für eine gezieltere Patientensteuerung diskutieren und gemeinsam nach Wegen suchen, die wir auf lokaler Ebene umsetzen können“ sagten Landrat Heiner Scheffold und Ulms Bürgermeisterin Iris Mann bei der Sitzung der Kommunalen Gesundheitskonferenz, die kürzlich zum neunten Mal unter Vorsitz von Landrat Scheffold im Landratsamt Alb-Donau-Kreis stattfand.

An der gemeinschaftlich vom Alb-Donau-Kreis und der Stadt Ulm eingerichteten Kommunalen Gesundheitskonferenz nahmen neben dem Landrat und der Bürgermeisterin Vertreterinnen und Vertreter aus dem Sozialministerium sowie des Alb-Donau-Kreises, der Stadt Ulm, der Kreis- und Gemeinderatsfraktionen, der Kliniken, der Kassenärztlichen Vereinigung, der Kreisärzteschaft, des Rettungsdienstes sowie der Notärzteschaft, der Krankenkassen, des Medizinischen Dienstes und des öffentlichen Gesundheitsdienstes teil. Die Geschäftsstelle der Kommunalen Gesundheitskonferenz ist im Gesundheitsamt des Landratsamtes Alb-Donau-Kreis angesiedelt.
 
Zu Beginn der Sitzung stellte Herr Dr. Griese, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Fakultät für Gesundheitswissenschaften der Universität Bielefeld und tätig am Interdisziplinären Zentrum für Gesundheitskompetenzforschung (IZGK), aktuelle Studienergebnisse zur Gesundheitskompetenz der Bevölkerung in Deutschland und Baden-Württemberg vor. Seine Ausführungen zeigten, dass die Gesundheitskompetenz in der Bevölkerung leicht steigt. Dennoch finden es über 80 Prozent aller Befragten schwer, sich im Gesundheitssystem zurechtzufinden. Zudem lasse sich immer noch eine soziale Kluft beobachten.
 
Im Anschluss gab Frau Middeldorff, Sachgebietsleiterin Bürgerservice bei der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW), in einem Impulsvortrag Einblicke in den Patientenservice „116117“. Sie erläuterte, wie das Angebot durch eine strukturierte medizinische Ersteinschätzung, die Terminservicestelle, die Online-Sprechstunde docdirekt sowie das Patiententelefon MedCall dazu beitragen kann, Patientinnen und Patienten schneller in die für sie passende Versorgung zu lotsen.

Regionale Lösungsansätze wurden diskutiert

Anschließend diskutierten Vertreterinnen und Vertreter des regionalen Gesundheitswesens in einer Podiumsdiskussion, wie die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung nachhaltig gestärkt werden kann und welche Ansätze geeignet sind, Patientinnen und Patienten orientierter durch das komplexe Gesundheitssystem zu führen. Die Moderation übernahm Frau Dr. Maren Reyer, stellvertretende Referatsleiterin Gesundheitsplanung, Gesundheitsförderung/Prävention und Versorgung.
In der Diskussion wurde deutlich, dass viele Bürgerinnen und Bürger unsicher sind, an welche Stelle sie sich mit ihren Beschwerden wenden sollen – etwa an die Hausarztpraxis, den kassenärztlichen Bereitschaftsdienst, die Notaufnahme oder eine telefonische Beratung. Notaufnahmen und Notdienste werden deshalb häufig auch bei Beschwerden aufgesucht, die in der Regelversorgung behandelt werden könnten. Vielen Menschen sind beispielsweise das nationale Gesundheitsportal „gesund.bund.de“ oder die Rufnummer „116117“ nicht bekannt. Hinzu kommen Sprach- und Bildungsbarrieren sowie Ängste und Überforderung in akuten Situationen.

Einheitliche Patienteninformation auf lokaler Ebene

Die Teilnehmenden waren sich einig, dass viele Strukturen und Vorgaben des Gesundheitswesens auf Bundesebene geregelt werden sollten und vor Ort nur begrenzt beeinflusst werden können. Gleichzeitig betonten sie, dass es auch auf regionaler Ebene Handlungsmöglichkeiten gibt. Ziel sei es, dort anzusetzen, wo im Alb-Donau-Kreis und der Stadt Ulm konkrete Verbesserungen erreicht werden können.
 
Ein zentraler Ansatz ist eine verständlichere und einheitlichere Patienteninformation. Bürgerinnen und Bürger sollen unabhängig davon, wo sie erstmals mit dem Gesundheitssystem in Kontakt kommen, einheitliche und leicht verständliche Orientierung erhalten. Dafür sollen gemeinsame Kernbotschaften sowie eine abgestimmte visuelle Gestaltung für Informationen in Praxen, Kliniken und im Gesundheitsamt entwickelt werden.

Gesundheitskompetenz vermitteln und Sprachbarrieren abbauen

Darüber hinaus soll Gesundheitskompetenz stärker vermittelt werden, beispielsweise in den Schulen. Auch Betriebe und Vereine könnten stärker einbezogen werden – über niedrigschwellige Informationsangebote, die an bewährte Formate wie Erste-Hilfe-Kurse anknüpfen.
 
Angesichts des Fachkräftemangels in der Gesundheitsversorgung sehen die Teilnehmenden zudem großes Potenzial in digitalen Lösungen. Digitale Patientenportale könnten künftig dabei helfen, Patientinnen und Patienten besser zwischen Klinik, Praxis, Pflege und weiteren Unterstützungsangeboten zu lotsen. Insbesondere das Entlassmanagement und die Anschlussversorgung nach einem Krankenhausaufenthalt sollen näher betrachtet werden.
 
Eine besondere Rolle spielt außerdem der Abbau von Sprach- und Systembarrieren – insbesondere für neu zugewanderte Menschen. Mit dem Dolmetscherpool des Alb-Donau-Kreises besteht bereits ein bewährtes und erfolgreich etabliertes Unterstützungsangebot im Gesundheitsbereich. Auf diesen guten Strukturen soll weiter aufgebaut werden: Ziel ist es, das Angebot gezielt zu stärken, um noch mehr Menschen erreichen zu können. Ergänzend sollen leicht verständliche Informationen zum Aufbau des deutschen Gesundheitssystems in mehreren Sprachen bereitgestellt werden.
 
Die Kommunale Gesundheitskonferenz machte damit deutlich: Regionale Aktivitäten können bundesweit einheitliche Lösungen nicht ersetzen, aber sie können dazu beitragen, die Orientierung der Menschen vor Ort zu verbessern, vorhandene Versorgungsstrukturen gezielter zu nutzen und die Akteurinnen und Akteure im Gesundheitswesen besser zu vernetzen.



Kommunale Gesundheitskonferenz als Plattform zu Fragen der Gesundheitsversorgung im Kreis
Die Kommunale Gesundheitskonferenz dient als Plattform zur Beratung, Vernetzung und Koordination von Fragen der Gesundheitsversorgung und -vorsorge. Viele Entscheidungen im Gesundheitswesen werden auf Bund- und Länderebene getroffen, jedoch kann auch regional durch die Vernetzung vor Ort eine Verbesserung der Gesundheitsversorgung bewirkt werden. Die Einrichtung einer Kommunalen Gesundheitskonferenz wurde mit der Verabschiedung des Landesgesundheitsgesetzes in allen Stadt- und Landkreisen gesetzlich verankert. Mit der Eröffnungssitzung am 16. Januar 2019 nahm die Kommunale Gesundheitskonferenz des Alb-Donau-Kreises und der Stadt Ulm ihre Arbeit auf.